Wege zu anspruchsvollem Schultheater

Der Spielleiter einer Theater-AG sollte am besten alles können: er soll Schauspieltrainer, Regisseur, Choreograph, Bühnenbildner, Kostümbildner, Fundraiser, Verwaltungsfachkraft und nicht zuletzt natürlich Theaterpädagoge in einer Person sein. Und selbstverständlich soll er auch trotz allen Premierenstresses seinen Unterricht gut vorbereiten, Klausuren korrigieren, usw. Außerschulische Jugendtheater­produktionen dagegen, die auf die Produktionsstrukturen des professionellen Theaterbetriebs zurückgreifen können, werden häufig von einem arbeitsteilig organisierten Team von Profis durchgeführt (z.B. Jugendclubs an Stadttheatern). Soll das Schultheater folglich resigniert auf einen höheren künstlerischen Anspruch verzichten und sich mit pädagogisch sicher sinnvollen, aber ästhetisch wenig ambitionierten Projekten begnügen?

Im Folgenden sollen zwei Wege vorgestellt werden, wie sich unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen künstlerisch anspruchsvolle Schultheaterprojekte erfolgreich realisieren lassen: erstens kann man aus der Not eine Tugend machen und sich bewusst für ästhetische Reduktion als Gestaltungsprinzip entscheiden und zweitens ermöglichen es Kooperationen mit schulischen und außerschulischen Partnern, auch komplexere Projekte in Angriff zu nehmen.

Ästhetische Reduktion

Reduktion kann ästhetisch als Chance begriffen werden: das Spiel im leeren Raum ebenso wie das Spiel im Grundkostüm (z.B. schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt) können die schauspielerische Präsenz stärker hervortreten lassen und zusammen mit wenigen Requisiten/Accessoires eine klare Bildästhetik schaffen. Entscheidet man sich für diesen Weg, kann eine Schultheatergruppe mit begrenzten Mitteln und geringem finanziellem Aufwand eindrucksvolle Inszenierungen realisieren. Voraussetzung ist, dass diese Reduktion bewusst gestaltet ist: auf den verschiedenen Feldern ästhetischer Gestaltung (Schauspiel, Bühnenbild, Kostüm, Musik,…) wird dann konsequent mit formalen Kompositionsprinzipen wie Wiederholung, Kontrast, Steigerung, Variation gearbeitet. Wenn in einem partizipativ gestalteten Theaterunterricht die Schüler/-innen zudem selbst die Prinzipien der ästhetischen Gestaltung entwickeln und umsetzen können, entspricht der künstlerische Anspruch zugleich auch dem pädagogischen Ziel, die kreative Selbstständigkeit der Schüler zu fördern.

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#gefangen#höhle#raus (2014)

In der Eigenproduktion #gefangen#höhle#raus des Kurses Literatur und Theater tritt der Chor, der die Gleichförmigkeit der modernen Kommunikationswelt verkörpert, in Jeans und weißem T-Shirt auf. Einziges Accessoire ist das Handy. Lediglich die Außenseiterin, die sich aus diesen Zwängen befreien will, trägt ein buntes T-Shirt. Der Raum ist leer, auf eine weiße Hintergrundfläche werden einfache Bildsymbole der Medienwelt projiziert. Die Reduktion im Bühnenbild und im Kostüm spiegelt sich nicht nur in der minimalistisch eingesetzten Musik, sondern insbesondere auch in der choreographischen Gestaltung der Szenencollage, die mit denselben formalen Kompositionsprinzipien arbeitet. Raumformationen wiederholen sich oder werden variiert, gespielt wird mit dem Kontrast zwischen dem Chor der digitalen Netzgemeinde und der Heldin, die ihren eigenen Weg finden will.

Kooperationen bei Bühnenbild, Kostüm und Musik

Es gibt aber noch einen zweiten Ansatz: das Schultheater schafft – oft in einem sehr viel größeren Ausmaß als der professionelle Theaterbetrieb – eine sich zwar ständig entwickelnde, aber nicht selten über Jahre hinweg fortbestehende Gemeinschaft von Schülern, Eltern, Lehrer, Freunden, Bekannten und Ehemaligen, die sich mit der Schultheaterarbeit identifizieren und bereit sind, sich (oft ehrenamtlich) in hohem Maße zu engagieren. Im Lauf der Zeit kann sich so ein offenes Netzwerk bilden, das nicht auf die Schulgemeinschaft beschränkt ist, sondern auch darüber hinaus wachsen kann. Wird dieses Netzwerk bewusst gestaltet, können dauerhafte Kontakte zu benachbarten Schulen, zu außerschulischen Bildungseinrichtungen ebenso wie zur lokalen Kultur- und Theaterszene entstehen. In diesem Netzwerk können sich für jedes Theaterprojekt Leute finden, die bereit sind, sich in verschiedenen Teilbereichen zu engagieren: beim Bühnen- oder Kostümbild, der Musik, der Choreographie usw. Zumindest teilweise und in Ansätzen lassen sich so die Vorteile einer arbeitsteiligen Produktionsweise, wie sie im professionellen Theaterbetrieb üblich ist, auch im Schultheater realisieren. Mit dem besonderen Vorzug, dass die Beteiligten ihr Mitwirken nicht als professionelle Dienstleistung verstehen, sondern als ehrenamtliches Engagement für eine gemeinsame Sache, die ihnen kreative Entfaltungsmöglichkeiten und vor allem wertvolle menschliche Erfahrungen mit den Kindern und Jugendlichen ermöglicht (wobei eine Aufwands­entschädigung im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten durchaus eine Frage der Fairness und der Wertschätzung ist!).

Die Theater-AG des Grimmelshausen-Gymnasiums hat aus diesem Anliegen heraus in den vergangenen Jahren mehrere Kooperationen mit beruflichen Schulen, mit der Musikschule Offenburg/Ortenau, der Kunstschule Offenburg sowie mit freien Kulturschaffenden und Musikensembles aufgebaut. Die Grundidee ist, dass allen Mitwirkenden kreative Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet werden und sich alle partizipativ in den gemeinsamen, künstlerischen Gestaltungsprozess  einbringen können.

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Alice im Wunderland – Kostüme: Haus- und Landwirtschaftliche Schulen – Bühnenbild: Christliches Jugenddorf

So haben die Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen Offenburg mit der zweijährigen Berufsfachschule „Ernährung und Hauswirtschaft“ und einem Berufskolleg die Kostüme für die  Theaterproduktionen „Alice im Wunderland“ und „Vision Freiheit“ genäht. Um den Entwicklungsprozess partizipativ gestalten zu können, haben in einer ersten Phase die Schauspieler/-innen der Theater-AG ebenso wie Lehrerinnen und Schülerinnen der HLSOG Ideen gesammelt (z.B. in Form von Zeichnungen oder Fotos). In einem zweiten Schritt fand ein Kostümworkshop statt, an dem Lehrerinnen und Schülerinnen beider Schulen – des Grimmelshausen-Gymnasiums und der HLSOG – beteiligt waren. Eine Kostümbildnerin der Kunstschule hat die Gruppe künstlerisch beraten. In diesem Workshop wurde das Kostümbild in Grundzügen festgelegt, wobei sich alle Beteiligten mit ihren Ideen und Vorstellungen einbringen konnten. In der dritten Phase wurde das Kostümbild in Projektarbeit umgesetzt.

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Für die Haus- und landwirtschaftlichen Schulen liegt die besondere Chance des Projekts darin, dass die Schülerinnen sich mit ihren spezifischen, in der Berufsschule erworbenen Fähigkeiten und Stärken einbringen können. Ihre künstlerische und handwerkliche Gestaltungs­arbeit kann durch die öffentliche Aufführung eine Anerkennung und Wertschätzung erfahren, die bei schulinternen Projekten in vergleichbarer Weise nicht möglich ist. Die Schülerinnen haben erfahren, dass ihr eigener handwerklich-künstlerischer Beitrag Entscheidendes zum Erfolg der Aufführung beigetragen hat – die Publikumsresonanz und die Kritik in der Presse haben das vielfach bestätigt.

In vergleichbarer Weise wurde auch das Bühnenbild der beiden Produktionen in den Werkstätten der Haus- und landwirtschaftlichen Schulen bzw. des Christlichen Jugenddorfes erstellt. Bei „Alice im Wunderland“ ist die Idee zum Bühnenbild nicht aus der szenischen Arbeit in der Theater-AG hervorgegangen, sondern aus einem kleinen Modell, das Schülerinnen der HLSOG vor Beginn der Probenarbeit für eine Projektpräsentation zum Thema „Alice im Wunderland“ erstellt haben. Die Theater-AG hat also einen von außen kommenden Impuls als Anregung für die Gestaltung des Bühnenbildes genommen.

Die für das traditionelle Schultheater bzw. für das klassische Literaturtheater typische Vorrangstellung des Textes, dem sich alle weiteren ästhetischen Mittel unterordnen, kann so relativiert oder sogar umgekehrt werden. Dem Bühnenbild kommt bei einer solchen Vorgehensweise weniger die Funktion zu, den Text zu illustrieren, als Impulse für das schauspielerische und räumliche Handeln zu geben. Das Bühnenbild verdoppelt dann nicht den Text und seine Bedeutung, sondern eröffnet von sich aus neue Spielräume und -anlässe. Die kooperativen Arbeitsformen können so zu einem moderneren Inszenierungsstil führen: entsprechend der Ästhetik des postdramatischen Theaters wird die Unterordnung der Theaterzeichen unter Text und Sprache durchbrochen, sie gewinnen an Gleichwertigkeit.

Natürlich kann ein solches Netzwerk an Kooperationen nicht von heute auf morgen entstehen. Es muss über Jahre in kleinen Schritten hinweg entwickelt werden. Nach und nach kann eine Art „Theaterfamilie“ entstehen, eine Gruppe von Lehrern, Pädagogen, Künstlern und ehemaligen Schülern, die sich durch die gemeinsamen Projekte häufig auch freundschaftlich verbunden fühlen. Für solche Kooperationsprojekte ist es erfahrungsgemäß oft viel leichter als bei schulinternen Projekten Förderer und Sponsoren zu finden. In Offenburg haben wir zudem die großzügige Unterstützung der Stadt gewinnen können. Aus den gewachsenen und lebendigen Formen der Zusammenarbeit heraus ist die Junge Theaterakademie Offenburg entstanden: ihre Grundidee ist es, diesem Netzwerk durch eine dauerhaft vereinbarte Kooperation zwischen schulischen und städtischen Partnern einen stabilen und verlässlichen Rahmen zu geben. Damit verbindet sich die Hoffnung, dem Schultheater künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen, die im schulinternen Rahmen kaum denkbar sind.

Paul Barone

Schülerstimmen

Kooperationen mit anderen Schulen helfen, aus einer Theateraufführung ein Gesamtkunstwerk zu machen. Natürlich steht das Stück im Mittelpunkt, aber durch die individuellen Kostüme, Bühnenbild und Bewirtung erreicht der Abend eine ganz neue Dimension.

Heiko, Mitglied der Theater-AG am Grimmelshausen-Gymnasium

Kooperationen mit anderen Schulen ermöglichen es, unsere Vorstellungen und Ideen umzusetzen, und sorgen für unvergessliche Bilder. Für unsere Stücke ist die Beteiligung anderer Schulen bei den Kostümen, Kulissen und der Bühnenmusik unverzichtbar.

Nina, Mitglied der Theater-AG

 

aus: Handreichung „So kommt Theater an Ihre Schule“