Die Rote Zora

„Die rote Zora“ – Ensemble schafft starke Atmosphäre

Die Theater AG des Grimmelshausen-Gymnasiums und Schüler des Christlichen Jugenddorfs bringen „Die rote Zora“ auf die Bühne. Mit den Mitteln des epischen Theaters kreieren Regisseur Paul Barone und die Grimmels-Schauspielerinnen Eindringlichkeit.

Vor einem Jahr hat die Junge Theater Akademie Offenburg respektive die ihr zugehörige Theater-AG am Grimmelshausen-Gymnasium eine atemberaubend starke Ensembleleistung mit „Roter Ritter Parzival“ geboten. Diese Woche im Salmen stellte die Gruppe ihre aktuelle Produktion vor, die heute, Samstag, um 16 Uhr, nochmals dort zu sehen ist. Auch bei „Die Rote Zora“ ist der Hauptdarsteller ganz klar das Ensemble, und es ist erneut die geschlossene Ensembleleistung, die beeindruckt. Das Stück wurde vom Ensemble und Regisseur Paul Barone selbst entwickelt, es mischt Elemente aus dem Jugendroman-Klassiker von Kurt Held und dem daraus entstandenen Kinofilms aus dem Jahr 2008. Es geht um Branko, der in den 1930ern im kroatischen Fischerdorf Senj sich als Waise durchschlägt und in die Bande der Roten Zora – alles von der Gesellschaft ausgestoßene Kinder – aufgenommen wird. Die Bande lebt vom Stehlen und wird von der Bürgerschaft deshalb verfolgt. Einzig der alte Fischer Gorian setzt sich für sie ein. Obwohl arm, achtet er die Prinzipien von Recht und Unrecht und vermittelt dies auch den Jugendlichen. Zugleich kämpft Gorian gegen Korruption und Kapitalismus. Letztlich überzeugt er die Bürger des Dorfes, dass es besser ist, den Kindern zu helfen und sie in die Gemeinschaft zu integrieren, als sie auszustoßen.

Bei derart „klassischer“ Sozialkritik bietet sich episches Theater im Sinne Brechts an, und Barone setzt das auch so um. Teils erläutern die Bürger von Senj Hintergründe und Handlungsverläufe, teils werden sie in den rund 30 Spielszenen erfahrbar. Die Stärke dieser Theaterarbeit liegt in der Atmosphäre, die immer wieder geschaffen wird, nicht zuletzt durch die Live-Musik von einem Streichquartett. Bei der Beisetzung von Brankos Mutter schaffen die ostinaten Themen und Rhythmen der Streicher ein Gefühl von Verlorenheit, eine Klangmauer aus Trauer. Umso kälter wirkt der darauf folgende Dialog der Senjer Bürger: Etwas müsse mit dem Waisenkind geschehen, damit er nicht zum Dieb wird. Da ist man moralisch. Aber keiner will ihn haben: „Wir haben nichts zu verschenken.“

Sehr gut war die Entscheidung, die Rolle des Gorian als einzige mit einem Erwachsenen zu besetzen. Er, der nicht nur zum Vorbild für Zoras Bande wird, sondern mit seiner Haltung für Vernunft und menschliche Güte steht, ist dadurch ganz im Sinne des Autors exponiert. Das Stück hat seine stärksten Momente immer dann, wenn das Ensemble agiert, sozusagen Bilder und Stimmungen entwirft: Der Markt sei hier als Beispiel genannt: Das ist bunt und hat eine klare Struktur, die Raum für auf dem Markt spielende Szenen schafft. Als Bühnenbild dienen variabel setzbare große Würfel, die bald Gefängnismauer, bald Marktstände bilden. Mitunter geht der Aufbau der – immer stimmigen – Atmosphäre zu Lasten des Tempos. Bild reiht sich schön an Bild, doch das, was in so einem Fall das „Daumenkino“ schafft, nämlich Rasanz in der Handlung und Flow des Bühnengeschehens, kommt zu kurz. Gutes Schultheater ist es allemal, und die Gruppe macht bewusst, dass die zentrale Frage des Stoffs so aktuell wie eh und je ist: Wohin mit den Hoffnungslosen und Hoffnung Suchenden?

Robert Ullmann, Badische Zeitung, 3. Dezember 2013

Hoffnung auf ein Stück Himmel

Schauspieler des »Theaters am Grimmels« haben in Zusammenarbeit mit dem Christlichen Jugenddorf und der Musikschule das Stück »Die Rote Zora« auf die Bühne gebracht. Sie präsentierten damit im Salmen einen richtigen »Mutmacher«.

»In der Hölle sind wir schon – wir können nur noch in den Himmel kommen.« So sehen die Mitglieder der Bande um das Waisenmädchen »Rote Zora« ihre Welt. Vom täglichen Überlebenskampf der an den Rand einer mitleidlosen Gesellschaft gedrängten und verachteten Kinder handelte die neue Produktion der »Jungen Theaterakademie Offenburg«.

Da ist Branko. Sein Vater ist verschwunden, seine Mutter tot. Und Pavle – er wurde gewaltsam von zu Hause weggejagt. Da sind Duro, Alisa, Nicola, Dragica und Stjepan – ihre Geschichten sind zahlreich, aber enden doch immer nur am selben Ort: in der Gosse. Gerettet wurden sie alle von dem geheimnisvollen Mädchen mit den roten Haaren, der »Roten Zora«, und gemeinsam kämpfen sie ums Überleben.

In der Theateradaption des Jugendromans von Kurt Held treten die Bewohner des kleinen Ortes Senj als Erzähler auf: Mal stehen sie außerhalb des Geschehens, schildernd und kommentierend, um dann wieder in Szenen einzutauchen und selbst Teil der Erzählung zu werden. Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich wird dabei nicht nur in der Erzählergruppe, sondern auch in der Rivalität zwischen Zoras Bande und den arroganten Gymnasiasten von Senj deutlich: Wenn diese Gruppen aufeinandertreffen, entbrennen wilde Kämpfe, die spektakulär inszeniert wurden.

Unter den Erwachsenen ist der Fischer Gorian der einzige Verbündete der Bande; in seinem Mitleid mit den Kindern formuliert er die sozialkritische Nachricht des Stücks, ja er scheut sich nicht, mit dem Finger ins Publikum zu weisen, wenn er soziale Missstände aufzeigt. Schauspielerisch überzeugten bei der Vorstellung im Salmen neben den bunten Gruppenszenen auch Einzelrollen wie die Hexe Kata, die von allen verachtet und gefürchtet stets sich selbst die nächste war. Oder der ständig betrunkene und etwas dümmliche Polizist Begovic. Doch nicht nur die vielschichtigen und authentisch gespielten Charaktere machten das Stück zu etwas Besonderem. So bestand das Bühnenbild aus schlichten Holzquadern, die – von den Schauspielern in choreografischen Umbauten stets neu arrangiert – die Fantasie des Zuschauers anregten.

Melancholische Klezmer-Klänge verstärkten die atmosphärisch dichte Stimmung des Stückes, und auch wenn viel Leid und Not gezeigt wurde, waren das Wichtigste immer die Hoffnung und der Lebenswille der Kinder, die gegen alle Rückschläge Bestand hatten und am Ende das Stück zu einem wahren Mut-Macher werden ließen.

Was von den Schauspielern des »Theaters am Grimmels« mit dem Bühnenbild des Christlichen Jugenddorfes Offenburg so gekonnt in Szene gesetzt wurde, begleitete das Streichquartett der Musikschule Offenburg musikalisch. »Die Rote Zora« ist ein weiteres Kooperationsprojekt der »Jungen Theaterakademie Offenburg« – und aus Sicht der Beteiligten auch erneut ein großer Erfolg.

Jeremias Kraus, Offenburger Tageblatt, 11. Dezember 2013