Alice im Wunderland

Alice schrumpft und wächst

Mit Aufwand, fantasievollen Kostümen und Charme hat die Junge Theaterakademie „Alice im Wunderland“ für die Bühne bearbeitet.

Wer die Hauptrolle spielt bei dieser superschön bebilderten Bühnenfassung von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ im Salmen durch die Junge Theaterakademie Offenburg, wurde rasch klar: Es waren die herrlich fantasievollen Kostüme, gefertigt von den Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen und der Kunstschule Offenburg, das Bühnenbild, die Maske, die Musik, die im Verein geschaffene stimmungsvolle Atmosphäre.

Zunächst sitzt Alice, gespielt von Lara Kimpel, noch mit ihrer älteren Schwester auf einer Seitenbühne und fragt sich, wozu Bücher ohne Bilder gut sind. Wer die schönen Illustrationen der „Alice“-Bücher von John Tenniel kennt, wird ihr recht geben. Die Masken- und Kostümbildner dieser Produktion der Jungen Theaterakademie Offenburg haben sich davon teils inspirieren lassen, sich zum großen Teil jedoch völlig davon gelöst.

Das weiße Kaninchen mit der Uhr zum Beispiel hat einen dicken Puschelbürzel wie ein Stofftier, und es hoppelt gleich in vierfacher Besetzung durchs Publikum. Alice folgt ihm und gelangt so ins Wunderland respektive auf die Bühne. Das Ensemble des Grimmelshausen-Gymnasiums hat für seine Inszenierung Motive aus beiden Alice-Büchern zusammengetragen, aus „Im Wunderland“ und aus „Hinter den Spiegeln“, in welchem das Schachmotiv beherrschend ist. Alice selbst spiegelt sich vor/wird vorgespiegelt, sie sei ein Bauer in einem Schachspiel, eine geträumte Figur des schwarzen Königs, sie begegnet dem schwarzen und dem weißen Springer wie auch der schwarzen und weißen Königin, und der Showdown des Stückes ist ein Schachspiel, in welchem Alice den König schachmatt setzt – und schließlich aufwacht.

Das Bühnenbild ist eine gelungene poetische Umsetzung des Schachmotivs, ein luftiges Schloss, dessen Elemente Schachfiguren sind: Bauer, Läufer, König. Durch Beleuchtungseffekte wechselt es die Farbe, von weiß nach rot (im Englischen die zweite Schachfarbe, also unser Schwarz), nach blau, nach zartgrün. Und davor tummeln sich phantasievolle Gestalten: Tiere mit venezianisch anmutenden Vogelmasken oder Balletteusen als Blumen. Witzig: Der schwarze und der weiße Springer. Ihre Kettenhemden sind gehäkelt – und es sieht irre gut aus. Die weiße Königin trägt ein Winzkrönchen mit Rapunzelzopf, die schwarze ist eine mondäne Matrone. Stilisierte Schachfiguren dienen als Kopfbedeckung. Tweedledee und Tweedledum, die zwei frechen Wortverdreher-Zwillinge, tragen Ringelmuster-T-Shirts. Und der Verrückte Hutmacher, hat klassischerweise einen überdimensionierten Hut à la Sir John Tenniel.

Die Bewegungen der Tiere sind gelungen. Herausragendes Beispiel ist die Wasserpfeife rauchende Raupe, von Haar- bis Zehenspitzen blaugrün geschminkt. Man hat wirklich das Gefühl, sie bewegt sich durch Zusammenziehen und Strecken des Körpers. Die Musik, halb barock, halb meditativ, ist stimmig und greift auch ins Geschehen ein, da wo die Holzbläser durcheinander kreischende und fiepende Tierstimmen imitieren.

Der Anfang ist viel versprechend: Die Naschkatze Alice kann im Wunderland der Versuchung nicht widerstehen. Sie trinkt vom „Trink mich“-Fläschchen und isst vom „Iss mich“-Plätzchen. Das eine macht sie größer, das andere kleiner, beides ist durch Videoprojektion toll dargestellt, wobei Lara Kimpel das durch Zusammensinken und Aufrichten unterstützt. Jede Szene ist überbunt, immer wieder strömen Figuren im Hintergrund über die Bühne. Das ist hübsch, zum Teil auch witzig, aber es lenkt zugleich etwas ab, vom Dialog, vom Geschehen in den betreffenden Szenen. Die wirken teils etwas unfokussiert. Da hätte man sich noch mehr Prägnanz gewünscht.

Am Mittwoch hatte das von den Schülern entwickelte und von Paul Barone und Patrick Labiche inszenierte Stück Premiere. Die nächsten Aufführungen sind am Samstag, 6. Dezember, 16 Uhr, und am Dienstag, 9. Dezember, um 19 Uhr, jeweils im Salmen.

Robert Ullmann, Badische Zeitung, 5. Dezember 2014

Opulent: »Alice im Wunderland« im Salmen

Junge Theaterakademie inszenierte Bühnenstück  /  Vor allem die Optik überzeugte
Gern mal turbulent-schrill ging es bei »Alice im Wunderland« zu. Die Inszenierung der Jungen Theaterakademie hatte am Mittwoch im Salmen Premiere.
Mit opulenten Bildern und raffinierten Kostümen beeindruckte die Produktion »Alice im Wunderland« bei ihrer Premiere im Salmen. Das Projekt der Jungen Theaterakademie wurde abgerundet durch ein Buffet der hauswirtschaftlichen Schulen.

Es waren insbesondere die opulenten Bilder, die wirkten: Dass kein Aufwand gescheut worden war, um »Alice im Wunderland« zu einem bühnenfüllenden Stück zu machen, zeigte sich bei der Premiere am Mittwochabend im Offenburger Salmen. Ein deutlicher Schwerpunkt der Inszenierung der Jungen Theaterakademie, die schulübergreifend arbeitete, lag eindeutig auf somnambulen Traumbildern. Die Szenen waren bis ins Detail ausgearbeitet worden: Da stelzten die Spielkarten vorbei, diverse Tiere gaben sich ihr Stelldichein und die Grinsekatze zeigte ihre überlegene Eleganz.

Getragen wurde das Stück ganz eindeutig von den Leistungen von Lara Kimpel, die die Alice ganz frischheraus spielte – im weißen Röckchen mit blauer Schürze und blauem Haarband. Sie schaffte es, Illusionen zu erzeugen – beispielsweise anfangs beim Schrumpfen oder Wachsen. Für einen Lacher sorgte sie mit dem Spruch: »Es wäre für einige Kinder besser, wenn sie wirklich Schweinchen wären.«

Die Schüchternheit, die Alice im Original teilweise mitbringt, fehlte ihr freilich: Die heutige Alice ist ein keckes Mädchen, das zwar zweifelt, aber sich der Welt mutig stellt. Und mit lakonischen Antworten oder gar Tätlichkeiten nicht spart: Da setzte es schon mal eine Ohrfeige.

Große Auftritte gab es für die schnippische Weiße Königin (Katharina Braun) und die despotische Schwarze Königin (Saa Dupps). Letztere zitierte ganz kess Schulleiter Dieter Kopriwa herbei, auf dass er ihr in ihrer rauschenden Robe von der Bühnen helfen möge.

Auf dieser bildete ein weißes Schloss aus der Werkstatt des Christlichen Jugenddorfes den Hintergrund, das in immer anderen Farben beleuchtet wurde. Die Schachszenen wurden klug ausgelagert und auf einem eigenen Podest gespielt.

Der Regisseur und Gesamtleiter der Produktion, Paul Barone, setzte einen klaren Akzent auf Alices Suche nach dem Weg zum Schloss und sich selbst. Das schien über weite Strecken auch mottogebend für die Produktion. Sie gefiel sich in wahlweise turbulent-schrillen oder statisch-ruhigen Bildern, bei denen das zur Geltung kam, womit sie richtig punkten konnte: die aufwendigen Kostüme, die mit dem Atelier der Kunstschule und den Schülerinnen der hauswirtschaftlichen Schulen entstanden sind.

Die Schülerinnen hatten bei der Premiere übrigens ihren eigenen großen Auftritt: Sie hatten ein traumhaftes Premieren-Buffet gezaubert, dessen Leckereien auch dem Stück entsprechende Namen trugen. »Zwei Tage waren wir mit den Vorbereitungen beschäftigt«, verriet Katrin Ritter. Sie hatte sich mit ihrer Gruppe um Fischdelikatessen gekümmert; andere waren für Häppchen mit Fleisch, vegetarischen Varianten und das Dessert zuständig gewesen.

Abgerundet wurde die Inszenierung durch die passende musikalische Untermalung: Klassische Elemente steuerte ein Ensemble der Musikschule unter Leitung von Ines Zimmermann bei, den modernen Sound Jan Esslinger.

Bettina Kühne, Offenburger Tageblatt, 5. Dezember 2014