Courasche

Unterm Rad der Fortuna

Das Grimmelshausen-Gymnasium feiert mit der Uraufführung des Musiktheaterstücks „Courasche“ ein Fest auf der Bühne.

Ganz dem literarischen Schaffen des Namenspatrons der Schule verpflichtet, hat das Grimmelshausen-Gymnasium zum Abschluss der Feiern seines 350-jährigen Bestehens die „Courasche“ nach Grimmelshausens Erfolgsroman als Gesamtkunstwerk auf die Bühne der Reithalle gebracht.

Es war ein packendes Spektakel, das dem Publikum in der ausverkauften Reithalle bei der Uraufführung am Donnerstag geboten wurde. Rund 150 Mitwirkende der Musiktheaterproduktion sorgten dafür, dass das Publikum quasi von Darstellern umzingelt war: links vorne auf der Bühne das von Gerhard Möhringer-Gross präzise geleitete Offenburger Ensemble, die Bühne selbst quoll in den Massenszenen vor Darstellern fast über. Von dort zogen immer wieder ambulante Schauspieler-, Sänger- und Musikertrupps ins Parkett. Mit den vereinigten Sängerinnen und Sängern des Kammerchors Offenburg, des Eltern-Lehrer-Chors und des Schulchors unter der Leitung von Reinhardt Bäder und Erwin Meyer schloss sich der Kreis dann ums Publikum.

Schon das Bühnenbild (Martin Dittrich) zeigt an, wo dies Inszenierung der „Courasche“ hin will. Mit Motiven aus Picassos monumentalem Anti-Kriegs-Bild „Guernica“ steht es für den Willen, die Geschichte nicht historisierend in Grimmelshausens traumatischer Erfahrung des Dreißigjährigen Krieges zeitlich zu verorten, sondern mit den Mitteln der Kunst des 20. Jahrhunderts eine universelle Anklage gegen den Krieg zu formulieren und was der aus Menschen macht.

Dafür steht die Courasche. Im Alter von 17 Jahren schnappt sich der Krieg das Mädchen Libuschka, macht sie zum Courasche genannten Soldaten und gleich darauf zur Witwe, Prostituierten und Betrügerin. Schließlich spuckt er sie alt und krank wieder aus. Bei Grimmelshausen ist die Figur auch eine Art barocke Pippi Langstrumpf, die auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Kriegs die Kerls reihenweise vom Ross haut. Diese Facette ist in Meinrad Busams Libretto nur in der Raufszene zu Beginn angedeutet. Er zeigt die Courasche eher als die verführerische Erzbetrügerin, die das Kapital ihrer Körpers einsetzt, um zu überleben – und um am Ende nichts zu bereuen. Denn im Vergleich zum Kriegshandwerk ist ihr altes Gewerbe ein ehrbares Geschäft.

Meinrad Busam geht souverän mit der Vorlage um. Seine Sprache ist die saftig- deftige des Barock, gespickt mit Derbheiten der Soldaten und der Huren („Potz Blitz und Fickerment!“). Dass diese Derbheiten ebenso wie der übrige Text im schön gereimten klassischen Versmaß daherkommen, erhöht noch das Vergnügen an dieser Sprache. Souverän mischt er den Courasche-Roman mit seinem noch berühmteren Bruder aus Grimmelshausens Feder, dem Simplicissimus. Im zweiten Teil tauchen der Simplex und dessen Herzbruder auf und enttarnen die Courage, die im Sauerbrunnen von Bad Griesbach unter falschem Namen ihr Lotterleben lebt. Gelage, eine Teufelsaustreibung, ein pantomimischer Reigen aus Freiern und Bräutigamen der Courasche, eine Gerichtsszene, die in Offenburg spielt, inklusive Publikumsbeschimpfung – Meinrad Busam lässt es auf der Bühne krachen. Schön auch die dramaturgische Brechung des epischen Erzählens durch die alte Courasche (Friederike Herrmann), die vom Bühnenrand aus das Geschehen kommentiert.

Die Theater AG unter der Regie von Paul Barone spielt hinreißend. Toll der Kunstgriff, die Hauptrolle der jungen Courasche zweizuteilen. Alexandra Schneider singt die wegen der modernen Melodieführung nicht einfache Solopartie mit großer Sicherheit und schönem substanzreichen Mezzosopran. Sie und die schauspielende Nadine Mika geben der Courasche eine überragende Bühnenpräsenz. Patrick Labiche überzeugt nicht nur als dramatischer Tenor in der Rolle des Herzbruders, sondern auch mit einer komischen Pantomime als gockelnder Freier. Eckhard Bergens weicher und leichter Bariton gibt dem Simplicissimus nach all seinen Abenteuern eine schöne abgeklärte Note. Klaus Bruder, Erwin Meyer, Peter Erdrich und Matthias Schadock überzeugen allesamt mit sehr guten solistischen Gesangsleistungen.

Paul Barones gemeinsam mit den Schülern der Theater AG entwickelte Spielszenen stecken voller überraschender Deutungen. So trägt die Courasche das rote Hurenkleid schon zur Trauung mit ihrem ersten Gemahl, dem adligen Rittmeister (Felix von Roeder), den sie noch auf der Totenbahre ehelicht. Das Rad der Fortuna überragt fast alle Szenen und zeigt, wohin sich das Schicksal der „großen Hure“ nach rasantem Aufstieg wenden muss.

Die Musik von Gerhard Möhringer-Gross ist schön an den Gefühlen der Handelnden entlanggeschrieben. Sie verstärkt, kommentiert und interpretiert ihre Affekte. In der um ein Akkordeon, ein Cembalo, ein Klavier und eine Harfe erweiterten kammermusikalischen Besetzung bringt sie einen enormen Reichtum an Farben und vielschichtigen Stimmungen. Wie etwa Kurt Weill in der Dreigroschenoper bedient sich der Komponist virtuos des historischen Materials: setzt einen Tango nuevo auf die Freier-Szene – schließlich entstand der Tango im Bordell –, untermalt mit romantischen Klängen eine Liebesszene oder erzeugt mit chromatischen Glissandi des Orchesters einen Strudel der Zeit, der die junge Libuschka in den Krieg einsaugt. Mit schmachtenden schrägen Wiener-Walzer-Terzen macht sich diese Musik zum Schluss – parallel zum Spott der alten Courasche – lustig über das weinerliche „Adieu Welt“ des Simplicissimus.

Für alle Akteure auf und abseits der Bühne gab es für die großartige Leistung lang anhaltenden Applaus und Bravos.

Ralf Burgmaier, Badische Zeitung

Eine faszinierende Begegnung

Premiere der Oper »Courasche« zum 350-Jährigen des Offenburger »Grimmels«: Eine Ensembleleistung, die Maßstäbe setzt.
 

Die Inszenierung selbst schöpft unübersehbar aus dem mit sehr viel Herzblut geleisteten Engagement einer Schule im Bewusstsein der eigenen Geschichte und Tradition. »Chourasche« ist trotzdem weit mehr als eine klassische Schulaufführung. Die Premiere am Donnerstagabend verdeutlicht den Anspruch und Stellenwert eines bemerkenswerten Projektes.
Fast drei Jahre liegen zwischen dem Beginn der Projekt-arbeit und der Uraufführung des Musiktheaters, das am Donnerstag in der ausverkauften Reithalle Premiere feierte. Der Anlass, der 350. Geburtstag des Offenburger Grimmelshausen-Gymnasiums, schwebt spürbar über den Ansätzen eines ehrgeizigen Theaterprojektes, das den Kontext normaler Schulinszenierungen förmlich aus den Angeln hebt. Rund 350 Akteure sind in die Arbeit vor und hinter den Kulissen eingebunden, das Offenburger Ensemble und der Kammerchor Offenburg sind mit von der Partie.
Das Stück selbst basiert auf Texten des Namenspatrons, des aus der Offenburger Lateinschule hervorgegangenen Gymnasiums. Die »Trutz Simplex«, ein kleiner, 1670 unter einem Pseudonym veröffentlichter Roman von Hans Jakob von Grimmelshausen, steht klar im Mittelpunkt. Die »Ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche« wird allerdings durch Fragmente aus dem zwei Jahre früher veröffentlichten »Simplicius Simplicissimus« erweitert. Entwurf und Gegenentwurf prallen so in vielerlei Hinsicht aufeinander.
Die Frau, die sich als Hure durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges schlägt, trifft im letzten von insgesamt sechs Bildern direkt auf den Simplicissimus und seinen sterbenden Herzbruder. Es sind zwei nur vordergründig gegensätzliche Lebensentwürfe, die hier mit ungebremster Wucht aufeinanderprallen.
Lustvoller Klangreigen
Der Gegensatz liegt in der Position zu sich selbst. Die Hure Courasche bekennt sich zu ihrem Leben, Simplicissimus kämpft mit sich selbst, strebt nach Vergebung in der Rolle des büßenden Pilgers. Er scheitert, lässt seinen Herzbruder im Augenblick des Todes alleine und wird am Ende doch von Courasche verflucht. Meinrad Busam zeichnet verantwortlich für Texte und Dialoge, Paul Baron führt Regie. Gerhard Möhringer-Gross hat das Ganze in musikalische Formen gegossen, das auf zwei Dutzend Instrumentalisten aufgestockte Offenburger Ensemble bringt seine Komposition zum Klingen.
Es ist eine faszinierende Begegnung von Alt und Neu, ein lustvoll zitierender Klangreigen, der sich spürbar an großen Oratorien und Kantaten orientiert und doch immer wieder in die Tonsprache der Gegenwart eintaucht. Um den Kammerchor Offenburg hat sich ein durch ausgesuchte Solisten, Lehrer und Eltern von Schülern des »Grimmels« ergänzter Projektchor gebildet, der zumeist im Rücken des Publikums agiert.
Im Zentrum der Inszenierung stehen aber die Akteure auf der Bühne, ein kaum zu überblickendes Ensemble aus Schülern, Lehrern und Ehemaligen. In deren Mittelpunkt steht die gleich dreifach besetzte Courasche, der in Zwischenspielen und Randszenen im Zuschauerraum immer wieder Simplicissimus (Eckhard Bergen) und dessen Herzbruder (Patrick Labiche) als Pilger entgegentreten. Friederike Herrmann verkörpert die alte Courasche, die als Erzählerin durch den szenisch angelegten Rückblick führt.
Die junge Courasche wird von Alexandra Schneider und Nadine Mika gespielt und gesungen. Während sich im Hintergrund das Rad der Zeit dreht, taucht die Inszenierung mit den Mitteln des modernen Theaters ein in die raue Welt des Dreißigjährigen Krieges, ganze Passagen des Romans werden in symbolischen, teilweise pantomimisch umgesetzten Spielszenen auf ihre Kernaussage reduziert.
Immer wieder treten Gruppen von Sprechern in Erscheinung, die in die Bilder einführen. Es ist eine kraftvolle, bisweilen fast verschwenderische Inszenierung, die spürbar aus dem Vollen schöpft, eine Aufführung, die nur an ganz wenigen Punkten daran erinnert, dass ausschließlich Laiendarsteller auf der Bühne stehen.
Die mehr als zweistündige Aufführung beeindruckt durch die Kraft der Bilder, durch musikalischen Charme, durch eine Ensembleleistung, die immer wieder Maßstäbe setzt.

Jess Haberer, Offenburger Tageblatt