Freiheit – Heute/Früher

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Borofsky-Choreografie

Die Skulptur „Freiheit – Männlich/Weiblich“ als Impuls für die Entwicklung der Theaterproduktion „Vision Freiheit“ der Jungen Theaterakademie Offenburg

 

„Freiheit, das bedeutet für mich Parkour!“ Als wir anfingen Ideen zum Theaterprojekt Vision Freiheit – Die Revolution 1847/48 in Offenburg zu sammeln, gab ein Schüler – ein leidenschaftlicher Parkour-Sportler – diese ganz persönliche Antwort auf die Frage, was Freiheit eigentlich bedeutet. Die spontane, aber umso glaubwürdigere Aussage machte uns bewusst, dass wir die 1848er-Revolution nur dann authentisch auf der Bühne darstellen können, wenn es uns gelingt, im Freiheitsgefühl der Revolutionäre etwas von dem zu ­entdecken, was für heutige Jugendliche von Bedeutung ist, und so die Brücke zwischen der damaligen und der heutigen Zeit zu schlagen.

Wir machten uns daher auf die Suche nach Ausdrucksformen, die eine die Zeiten überdauernde, zutiefst menschliche Sehnsucht nach Freiheit versinnbildlichen können. Zunächst fielen uns die Parallelen zwischen der Parkour-Sportart und der für die Revolution so wichtigen Turnerbewegung ins Auge – so dass wir schließlich die Szenen im Offenburger Turnverein als Parkour-Training inszenierten. Noch tiefer in die allgemein­menschliche Erfahrung von Freiheit führte uns aber die Auseinandersetzung mit der Skulptur „Freiheit – männlich/weiblich“ von Jonathan Borofsky.

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Borofsky-Skulptur „Freiheit – männlich/weiblich“ auf dem Offenburger Platz der Verfassungsfreunde

In Improvisationen erkundeten wir, welche unterschiedlichen Dimensionen der Freiheit in ihr zum Ausdruck kommen. Die Schauspieler bekamen den Auftrag, die Skulptur körperlich darzustellen und sich als die so geschaffene Körper-Skulptur im Raum zu bewegen. Wir probierten aus, was sich ereignet, wenn die Körper-Skulpturen einander begegnen, wenn sie sich – wie das Original – ineinander verschränken, wieder auseinandergehen, die Bewegungsrichtung oder das Tempo ändern usw. In diesen Improvisationen trat zutage, dass sich in der Skulptur im Wesentlichen fünf Dimensionen von Freiheit verdichten: In der aufrechten Körperhaltung drückt sich Selbstbewusstsein aus, in der individuellen Bewegungsrichtung der männlichen bzw. der weiblichen Figur Selbstbestimmung, in dem in die Ferne gerichteten Blick der visionäre Anspruch, in der Dynamik der Arme und Beine der Gestus des Aufbruchs und in dem Ineinandergehen der beiden Körper die zwischenmenschliche Begegnung. Die Improvisationen, die wir in immer neuen Variationen wiederholt und ausgebaut haben, machten offensichtlich, dass hinter dem Freiheitskampf der Revolutionäre vermutlich dieselbe „jugendliche“ Sehnsucht nach Aufbruch, nach Visionen, nach Begegnung und Selbstbestimmung stand, wie sie jeder Jugendliche auch heute in sich selbst erfahren kann – und die so grundlegend für jede lebendige Demokratie bleibt.

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Fannys Traum einer freien Gesellschaft

Aus dieser Einsicht heraus entwickelten wir auf der Grundlage der Borofsky-Statue mehrere Choreographien, die wir in Schlüsselszenen des Theaterstücks einbauten, um die allgemein-menschliche Dimension von Freiheit zum Ausdruck zu bringen. Ebenso haben wir die Bildlichkeit der Statue im Bühnenbild aufgegriffen – erweitert um das Element einer Mauer, die die Revolutionäre während des Stücks abbauten, um aus ihren Steinen die Barrikaden zu errichten. Die Borofsky-Statue nahmen wir so auch in der Gestaltung des Bühnenbilds als Anregung, um die zeitlose Dialektik von Freiheit, Unfreiheit und Auflehnung zu symbolisieren.

Das kreative Spiel mit der Borofsky-Statue eröffnete uns somit in unterschiedlichen Gestaltungsfeldern die Möglichkeit, Gegenwärtiges im Vergangenen, Allgemein-Menschliches im Geschichtlichen zu entdecken und so zur Darstellung zu bringen, wie erhellend die Beschäftigung mit der 1848er-Revolution für ein aktuelles Verständnis von Freiheit sein kann. Wir konnten im Medium des Theaters eine Form des Erinnerns schaffen, die sich im offenen Horizont von Vergangenheit und Gegenwart bewegt und zugleich in die Zukunft weist. Denn können wir uns eine zukünftige freie und offene Gesellschaft ohne Aufbrüche, ohne Visionen und ohne selbstbestimmte Begegnung denken?

Paul Barone