In Zeiten von Corona wird anders gespielt und geprobt

Die Junge Theaterakademie hat die Proben zum Stück „Richard und Rosa“ wieder aufgenommen, aber mit nur sechs Schauspielern. Spielleiter Paul Barone hat eine Anleitung zum Theaterunterricht herausgebracht.

Barbara Puppe, Badische Zeitung vom 2.6.2020
Foto: Christoph Breithaupt

Auch im Theaterraum der Kunstschule ist der Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Schwierig, bei einem Stück, das ersehnte Nähe und Distanz thematisiert: „Ich will ganz nah zu dir hin“, sagt die junge Hauptdarstellerin und unterstreicht den Wunsch mit eindrücklichen Gesten. Die Schauspieler bewegen sich auf der Bühne aufeinander zu, um sich zu berühren, bleiben aber wie von unsichtbarer Wand zurückgehalten, in ihren Gesten eingefroren.

Das Stück passt zu den Einschränkungen
Enttäuschung, Resignation und Wut machen sich breit. Es geht um Abstand und nicht Zueinanderkommen, wie zufällig passend zu den Corona-Einschränkungen, von denen zu Probenbeginn im Januar noch nicht die Rede war. Auch das Theaterprojekt hatte Zwangspause.

Paul Barone, Lehrer am Grimmelshausen-Gymnasium und Leiter der Jungen Theaterakademie hat diese Zeit als surreal erlebt, hat sich Sorgen gemacht, wann man weiter proben könne, denn zum Theaterspiel gehöre die Begegnung, das Miteinander, das sich nahe kommen. Nach Monaten sind die Proben jetzt wieder angelaufen, allerdings vorläufig nur für sechs von 35 Schauspielern, maximal zehn Personen dürfen im Raum sein. Eigentlich war der Aufführungstermin im Dezember im Salmen geplant, frühestens Ende Februar aber könnte es in der Reithalle soweit sein.

Schüler haben das Stück vorgeschlagen
„Richard und Rosa“ – das Stück auf der Grundlage eines historischen Stoffes – wurde von den Schülern vorgeschlagen und gemeinsam entwickelt: Richard Mundinger war Schüler des Grimmelshausen-Gymnasiums, verließ 1923 die Schule und machte eine kaufmännische Lehre in Offenburg. Rosa, ein Mädchen, das nicht „rein arisch“ war, zog ihn in ihren Bann, 1939 hatte er bereits seit zwei Jahren eine Heiratsgenehmigung beantragt, denn nach den Nürnberger Gesetzen war die beabsichtigte Ehe genehmigungspflichtig. Das Gesuch zog sich endlos hin, die Liebenden haben sich vier Jahre nicht gesehen und trotzdem zusammengehalten.

„Wir haben einen neuen Zugang zum Thema unseres Stückes gefunden durch das, was wir im Moment erleben“, erklärt Paul Barone. Die Frage: „Was ist das Geheimnis, das eure Liebe so stark gemacht hat“, wurde zum Leitfaden der Inszenierung. Die Schülerinnen und Schüler machen sich Gedanken: „Ist die Liebe vielleicht so groß, gerade weil man getrennt ist“, fragt Schülerin Caroline Seemann.

Das Thema Abstand sei im Moment sehr präsent, meint Nele Fleig: „Wir können unsere Freunde nicht sehen, deshalb können wir uns besser in das Theaterstück einfinden.“ Die Protagonistin Rosa wird dargestellt von Carina Napadovskyy, die 17 Jährige freut sich, wieder mit einigen aus der Gruppe zu arbeiten, sie spielt leidenschaftlich gerne Theater. Antonia Warth sieht Parallelen zur eigenen Situation: „Gerade in unserem Alter macht man sich ja auch Gedanken, wie die Zukunft aussieht, Fernbeziehungen gibt es heute auch“, sagt sie. Auch der 18-jährige Aaron Werner ist vom Stück fasziniert, man bekomme einen Eindruck von der damaligen Zeit, „es fühlt sich so real an“.

Die Rolle des Richard hat Finnegan Mekhior übernommen. Der 16-jährige Waldorfschüler bezeichnet Theaterspielen als eine seiner größten Leidenschaften, in Corona-Zeiten geradezu ein Lichtblick. Er hätte allerdings gern die anderen aus der Truppe bald wieder mit dabei.

Auch Lokalgeschichte wird aufgegriffen
Das Projekt der Stadt Offenburg, des Grimmelshausen-Gymnasiums und der Volkshochschule will die Offenburger Schulen und Kulturpartner in gemeinsamen Theaterprojekten vernetzen und Theaterspielen mit Kindern und Jugendlichen fördern. Auch Lokalgeschichte wird aufgegriffen, denn die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte könne Identität schaffen und neue Perspektiven auf die Gegenwart eröffnen. „Theater verändert, man findet sich selbst neu und bekommt einen anderen Bezug zu den Mitmenschen, entdeckt Selbstwertgefühl und Kreativität und bekommt Anerkennung“, zählt Paul Barone auf.

Leitfaden für Theatergruppen
Er hat einen „Theaterbaukasten“, entwickelt, einen theaterpädagogischen Leitfaden für Schul-, Jugend- und Amateurtheatergruppen. Jede der 42 Baustein-Karten enthält Elemente der Visualisierung, eine Erläuterung zur ästhetischen Funktion, Schauspielübungen und Inszenierungsimpulse. Eine [die Publikation ergänzende, auf der BELTZ-Website zum Download zur Verfügung stehende] Handreichung „Theaterspielen in Zeiten von Corona – Hilfestellungen und Impulse“ erklärt, welche Bausteine und Übungen mit den Vorschriften des Social Distancing vereinbar sind. Zaid Ghasib, Student und Mitarbeiter der Hochschule Offenburg erstellte zusätzlich ein experimentelles Video zum Theaterstück.


Info: Paul Barone, Der Theaterbaukasten – ein Leitfaden für die theaterpädagogische Praxis, 2020, Beltz Verlag

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