Premiere von „Gutenbergs Traum“

SMARTPHONE LÄSST GUTENBERG STAUNEN

Junge Theaterakademie Offenburg führt „Gutenbergs Traum“ auf / Stärke des Stücks liegt im Bezug zur Offenburger Geschichte.

Buchdrucker Johannes Gutenberg als Zeitreisender in Offenburg – das ist der Stoff, aus dem die Junge Theaterakademie Offenburg ihr diesjähriges Stück „Gutenbergs Traum. Die Vernetzung der Welt“ erarbeitet hat. Am Donnerstagabend war Premiere im – selbstverständlich voll besetzten – Salmen.

33 Schülerinnen und Schüler des Grimmelshausen-Gymnasiums haben unter der Leitung von Paul Barone, Patrick Labiche und Stephanie Scherer ein Kaleidoskop von Szenen entworfen, die immer wieder die Zeitebene wechseln. Gutenbergs Lebenszeit um 1500, die Hexenverfolgungen um 1600, die Zeit der Badischen Revolution und das Heute bringen sie in Vor- und Rückblicken auf die Bühne. Verbindendes Element ist Gutenberg (David Povkh), der mit seinen Lebensentscheidungen hadert und befürchtet, mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nur Unheil über die Welt gebracht zu haben. Er, der den Menschen Bildung zugänglich machen wollte, indem Bücher bezahlbar werden, muss sehen, dass Hetzschriften gedruckt und verbreitet werden. Ungläubig staunt er über Smartphones und Internet, die die gleiche Ambivalenz in sich tragen: Demokratisierung von Information und deren Missbrauch.

Die Stärke des zweistündigen Theaterabends liegt in seinem klaren Bezug zur Offenburger Geschichte und im großen, spürbar echten Engagement der Akteure. Shitstorms im Internet, entstanden aus einem unbedachten Tweet, der eigentlich lustig gemeint war, spiegeln die Hysterie der Hexenverfolgungen wider. Der intellektuelle Fortschritt der Aufklärung in der Offenburger Lesegesellschaft trifft auf fromme Traktate, Kant trifft auf Chemnitz. Das alles wird mit vielen Gruppenszenen umgesetzt, choreografiert (Patrick Labiche) tanzen sogar Buchstaben über die Bühne, werden Zeitungen auf- und zugeschlagen, wenden sich Freunde von Rufmord-Opfern ab. Starke Bilder und mit Nachdruck vorgebrachte Statements für Gemeinsinn und Gerechtigkeit prägen das Stück. Die Jugendlichen von heute sprechen dem immer verzweifelter werdenden Gutenberg Mut zu: „Ihre Erfindung ist eine langlebigere Waffe als die Kanonen des Sonnenkönigs“, beruhigen sie ihn, und Gutenberg nimmt sie im Gegenzug in die Pflicht. „Jetzt ist es an euch, meinen Traum weiter zu träumen“.

Doch beim Träumen wollen es die Nachgeborenen nicht belassen. Statt wie in den Szenen zuvor für Missernten, Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit Sündenböcke zu suchen, lassen sie sich von Kant dazu ermuntern, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. „Wann, wenn nicht jetzt, ist es Zeit, selbst zu denken“, ist die rhetorische Frage, mit der das Stück endet.

Ein ebenso lehrreicher wie unterhaltsamer Theaterabend, bei dem sich wieder einmal die Kooperation mit den Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen als Glücksgriff erwiesen hat: Durch die aufwändigen Kostüme ist auch für die jüngsten im Publikum immer sofort klar, in welcher Zeit eine Szene spielt. Das Premierenpublikum war zu Recht begeistert von diesem leidenschaftlichen Theaterabend.

Juliana Eiland-Jung, Badische Zeitung vom 8. Dezember 2019

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