Premiere von „Gutenbergs Traum“

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JUNGE THEATERAKADEMIE INSZENIERTE »GUTENBERGS TRAUM«

 

Die Plätze wurden knapp bei der Premiere von »Gutenbergs Traum«, den die Junge Theaterakademie des Grimmelshausen-Gymnasiums im Salmen aufführte. Das von Theaterleiter Paul Barone und den mitspielenden Schülern entwickeltet Stück war ein Appell an die eigene Verantwortung.

Es ist das, was man daraus macht: Mit dieser Botschaft entlastete die Junge Theaterakademie des »Grimmels« in ihrem Stück »Gutenbergs Traum« den Meister. Er war auferstanden, geisterte, weil ihn Zweifel plagten, ob seine Erfindung nicht mehr schadete als nutzte, von seiner Ruhestätte in Mainz Richtung Straßburg. In Offenburg war Halt, einige Schüler nahmen sich der seltsam gekleideten Person an.

Johannes Gänsfleisch (David Povkh), genannt Gutenberg, zeigte sich etwas desorientiert, leidgeplagt und deutlich verschlossen. Povkh reflektierte oft mit verschränkten Armen und hängendem Kopf, während ihm die Schüler erklärte, wie sich seine Entwicklung entwickelt und die Welt noch mehr vernetzt hat. Besonders fasziniert zeigte er sich von der Druckmaschine im Hosentaschenformat, dem Handy.

Doch Gutenberg kam erst später ins Spiel: Zunächst zeigten die Schüler, wie schwierig es war, die Idee der Bildung für alle und den Büchern, die diese bringen sollten, durchzusetzen. Der Drucker Melchior Troffeo (Aaron Werner) musste um 1500 hilflos zusehen, wie seine Frau, wie seine Frau Ennelin (Nina Labiche) das Baby umbrachte, weil sie es nicht mehr ernähren konnte, und sich schließlich der Tänzerbewegung anschloss, mit der sie bis zum Tode tanzte.
Gutenberg hatte eine Familiengründung schon zuvor ausgeschlagen. Das sagte er allerdings nicht selbst: Aaron Werner, dieses Mal in der Rolle eines Schülers anno 2018, bekam die Mütze des Druckers auf und antwortete für den Erfinder der enttäuschten Verlobten Ennelin zur eisernen Thür, dass ihn das unternehmerische Risiko, das seine Erfindung für eine Familie bedeute, an der Heirat hindere.

Shitstorm im Internet

Das war nur einer der Kniffe der Regie  – neben Barone Patrick Labiche und Stephanie Scherer – die auch die Erfindung der beweglichen Lettern ins Bild setzte. Zunächst verdeckt, tanzten die Schüler mit ihren Tafeln durcheinander und gruppierten sich immer wieder neu. Dann wurde umgedreht: So bildeten sich Worte wie »hate«, »chat« oder »send«, passend zur Szene, in der ein Shitsorm im Internet, den Justine (Julia Sanner) erlebte: Sie hatte vor ihrer Reise nach Afrika einen Tweet abgesetzt, in dem sie sich darüber auslässt, dass sie hofft, kein Aids zu bekommen. Aber sie sei ja weiß. Die Empörung reichte weit, sie wurde gefeuert.

Zuvor tauchten das Stück in die Zeit der Hexenverbrennungen um 1600 ein. Hungersnöte machten die Menschen auch in Offenburg kopflos. Der Mob wollte Schuldige haben und bezichtigte Frauen der Hexerei, da konnten der Schultheiß (Leon Herb) und die Stadträte (Finnegan Melchior und Jonas Kiefer) noch dagegen halten, wie sie wollten: Am Ende loderten auf den langen Stoffbahnen, die die Bühne unterteilten, die Projektionen der Feuer und verbrannten die Frauen, die als Schatten unter Folter »gestanden« hatten. Ursache für die Idee: Flugblätter und Schriften wie der »Hexenhammer«, die wie eine Anleitung für den Irrsinn erschienen.

Dass es längst nicht vorbei ist, stellten die Jugendlichen in einer eindrücklichen Szene rund um die Geschehnisse von Chemnitz, wo ein Deutscher beim Streit von Flüchtlingen getötet worden war, dar. Es war packend, wie Magdalena Heß als Journalistin mit herabhängender Kamera da stand und vom Mob – Emil Heß, Adrian Schmidt und Jan Esslinger, der auch für die Musik verantwortlich zeichnete – angefeindet wurde. Der »Trauermarsch«, das Konzert gegen Rechts, die #wirsindmehr-Bewegung – all das stellten die Schüler am Ende der Zeitreise von 1500 bis in die Gegenwart dar.

Was dagegen hilft, konnten sie Gutenberg wie dem Publikum aufzeigen: Die Erkenntnis, dass die Vernetzung das ist, was man daraus macht, genügte dem Stück nicht. Die Botschaft lag in der Aufklärung: Gustav Rée gründete die Lesegesellschaft, und plötzlich war Kants Zitat in aller Munde: »Wage zu denken!«

Bettina Kühne, Offenburger Tageblatt, 7. Dezember 2018

 

SMARTPHONE LÄSST GUTENBERG STAUNEN

Junge Theaterakademie Offenburg führt „Gutenbergs Traum“ auf / Stärke des Stücks liegt im Bezug zur Offenburger Geschichte.

Buchdrucker Johannes Gutenberg als Zeitreisender in Offenburg – das ist der Stoff, aus dem die Junge Theaterakademie Offenburg ihr diesjähriges Stück „Gutenbergs Traum. Die Vernetzung der Welt“ erarbeitet hat. Am Donnerstagabend war Premiere im – selbstverständlich voll besetzten – Salmen.

33 Schülerinnen und Schüler des Grimmelshausen-Gymnasiums haben unter der Leitung von Paul Barone, Patrick Labiche und Stephanie Scherer ein Kaleidoskop von Szenen entworfen, die immer wieder die Zeitebene wechseln. Gutenbergs Lebenszeit um 1500, die Hexenverfolgungen um 1600, die Zeit der Badischen Revolution und das Heute bringen sie in Vor- und Rückblicken auf die Bühne. Verbindendes Element ist Gutenberg (David Povkh), der mit seinen Lebensentscheidungen hadert und befürchtet, mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nur Unheil über die Welt gebracht zu haben. Er, der den Menschen Bildung zugänglich machen wollte, indem Bücher bezahlbar werden, muss sehen, dass Hetzschriften gedruckt und verbreitet werden. Ungläubig staunt er über Smartphones und Internet, die die gleiche Ambivalenz in sich tragen: Demokratisierung von Information und deren Missbrauch.

Die Stärke des zweistündigen Theaterabends liegt in seinem klaren Bezug zur Offenburger Geschichte und im großen, spürbar echten Engagement der Akteure. Shitstorms im Internet, entstanden aus einem unbedachten Tweet, der eigentlich lustig gemeint war, spiegeln die Hysterie der Hexenverfolgungen wider. Der intellektuelle Fortschritt der Aufklärung in der Offenburger Lesegesellschaft trifft auf fromme Traktate, Kant trifft auf Chemnitz. Das alles wird mit vielen Gruppenszenen umgesetzt, choreografiert (Patrick Labiche) tanzen sogar Buchstaben über die Bühne, werden Zeitungen auf- und zugeschlagen, wenden sich Freunde von Rufmord-Opfern ab. Starke Bilder und mit Nachdruck vorgebrachte Statements für Gemeinsinn und Gerechtigkeit prägen das Stück. Die Jugendlichen von heute sprechen dem immer verzweifelter werdenden Gutenberg Mut zu: „Ihre Erfindung ist eine langlebigere Waffe als die Kanonen des Sonnenkönigs“, beruhigen sie ihn, und Gutenberg nimmt sie im Gegenzug in die Pflicht. „Jetzt ist es an euch, meinen Traum weiter zu träumen“.

Doch beim Träumen wollen es die Nachgeborenen nicht belassen. Statt wie in den Szenen zuvor für Missernten, Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit Sündenböcke zu suchen, lassen sie sich von Kant dazu ermuntern, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. „Wann, wenn nicht jetzt, ist es Zeit, selbst zu denken“, ist die rhetorische Frage, mit der das Stück endet.

Ein ebenso lehrreicher wie unterhaltsamer Theaterabend, bei dem sich wieder einmal die Kooperation mit den Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen als Glücksgriff erwiesen hat: Durch die aufwändigen Kostüme ist auch für die jüngsten im Publikum immer sofort klar, in welcher Zeit eine Szene spielt. Das Premierenpublikum war zu Recht begeistert von diesem leidenschaftlichen Theaterabend.

Juliana Eiland-Jung, Badische Zeitung vom 8. Dezember 2019

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